Nun begann die nächste Phase: Täglich musste ich mir zwei Filgrastim-Spritzen geben, um die Produktion der Blutstammzellen anzuregen. Sich selbst zu spritzen, erfordert jedoch eine enorme Überwindung. Die Vorstellung die Nadel eigenhändig durch die Haut zu stechen, blockierte meine Hand völlig. Mein Mann musste einspringen – und er tat es sanfter als jede Krankenschwester 😉
Nach den ersten zwei Tagen ging es täglich zur Blutkontrolle ins Krankenhaus, um den perfekten Zeitpunkt – den sogenannten Peak -bloß nicht zu verpassen. Ob es die Nebenwirkungen der Spritzen oder die Erkrankung selbst waren, weiß ich nicht mehr, aber zum Schluss kämpfte ich mit Kopfschmerzen, leichtem Schwindel und Übelkeit.
Dann war der ersehnte Tag endlich da. Die Apherese (Stammzellensammlung) konnte beginnen. Da ich sehr schlechte Venen habe und selbst normales Blutabnehmen oft schwierig ist, war die Erleichterung riesig: Die Ärzte fanden an beiden Armen eine geeignete Ader. Ein zentraler Venenkatheter blieb mir somit zum Glück erspart.
Obwohl es mir am Morgen der Apherese wegen starker Kopfschmerzen und Übelkeit nicht gut ging, verlief das Legen der Nadeln problemlos. Über den einen Arm wurde das Blut entnommen, im Zelltrennungsgerät wurden die Stammzellen herausgefiltert und über den anderen Arm floss das Blut wieder zurück in meinen Körper. Fünf Stunden lang musste ich absolut ruhig sitzen, ohne die Arme zu bewegen. Da ich wegen dem Unwohlsein ohnehin viel schlief, war das für mich kein großes Problem.
Eigentlich sollte ich danach nur für eine Nacht zur Kontrolle bleiben. Als die Pflegefachkraft mich fragte, ob ich allein auf die Station gehen könne, willigte ich noch optimistisch ein. Doch kaum stand ich auf, streikte mein Kreislauf und ich musste mich übergeben. Per Rollstuhl wurde ich auf die Privatstation gebracht, wo die Ärzte über 39 Grad Fieber und besorgniserregend hohe Entzündungswerte im Blut feststellten – ich hatte mir einen Infekt eingefangen. Aus einer Nacht wurde so ein einwöchiger Aufenthalt mit intravenöser Antibiotika-Therapie.
Das Medikament schlug zum Glück schnell an, das leckere Essen schmeckte wieder und die Ärzte hatten eine großartige Nachricht: Es konnten erstaunlich viele Blutstammzellen gesammelt werden. Ein enorm wichtiger und positiver Baustein für die bevorstehende Hochdosis-Chemotherapie.
Vor der Entlassung stand jedoch noch ein schwerer Schritt an: Die Einverständniserklärung für den anstehenden, mindestens dreieinhalbwöchigen Krankenhausaufenthalt. Als ich las, das statistisch gesehen 5 % der Patienten diese Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Stammzellentransplantation nicht überleben, war ich zutiefst geschockt. Ich fragte nach Vergleichen zu großen Operationen, doch eine genaue Antwort blieb man mir schuldig. Die Ärzte beruhigten mich aber damit, dass ich in einem guten Allgemeinzustand in die Therapie gehe und sie keineswegs davon ausgehen, dass ich sterbe.
Es folgten zwei Wochen Wartezeit, in denen meine Stammzellen aufbereitet und eingefroren wurden. Um meine kreisenden Gedanken zu beruhigen und mich abzulenken, malte ich ein großes „Malen nach Zahlen“-Bild aus – ein Motiv des Saskatchewan-Gletschers in Kanada, den ich selbst einmal fotografiert hatte. Während ich die Felder ausmalte dachte ich viel darüber nach, wie ich die lange Zeit in der Klinik überstehen werde. Was ich mir dabei einfallen ließ und wie es mir während dieser langen schweren Zeit im Krankenhaus ging, erzähle ich Euch in meinem nächsten Beitrag in der Kategorie: Mein Weg.
Montags vor dem großen, angsteinflößenden Klinikantritt haben wir dann noch einmal einen wunderschönen Ausflug in den Odenwald gemacht, um Kraft zu tanken, hierzu mehr in der Kategorie: Fernweh und Reisen